In der letzten Zeit habe ich festgestellt, dass das Hören anstrengender geworden ist. Das deutet darauf hin, dass die Einstellung des Sprachprozessors vom Cochlea Implantat nicht mehr ganz stimmt, sondern angepasst werden muss. Eigentlich sollte man jedes Jahr zur Kontrolluntersuchung gehen, aber wie das im Leben so ist, kommt immer irgendwas dazwischen, so dass ich fast 2 Jahre lang keine neue Einstellung hatte.
Kurzerhand habe ich dann einen Termin im Cochlea Implant Zentrum Südwestfalen (kurz CIC) in Hagen gemacht. Direkt angegeben, dass Luna dann mitkommt. Damit war die Dame am Telefon doch überfordert und meinte, dass sie sich erst mal bei der Klinikleitung bzw. der Hygiene-Abteilung erkundigen muss, ob das denn geht. Dies hat sie auch tatsächlich umgehend getan und knapp eine Stunde später bekam ich den Rückruf mit der Frage, ob der Assistenzhund unbedingt erforderlich ist. Meine Antwort „ja, ist sie. Genau so wie mein Rollstuhl.“. Daraufhin wurde mir gesagt, dass die Mitnahme in diesem Fall kein Problem darstellt und man die Information am Klinikeingang informieren würde.
Ja, es könnte alles so einfach sein, aber das CIC benötigt für die Abrechnung unbedingt eine Überweisung vom Facharzt, also von einem HNO-Arzt. Da ich — bis auf die Taubheit — nichts an den Ohren habe, war ich das letzte Mal vor mehr als 3 Jahren wegen einem Pickel im Gehörgang beim HNO. Also die Praxis angerufen, gefragt, ob die eine Überweisung ausstellen. Ja, machen sie, aber nur nachdem ein Arzt mich gesehen hat. Also Termin gemacht und direkt gesagt, dass ich mit Assistenzhund komme.
Am Tag des Termins bin ich also mit Luna im Schlepptau zum HNO. Die Sprechstundenhilfe meinte nur, dass wir draußen im Flur warten müssen, denn es gibt ja auch Patienten mit einer Hunde-Allergie oder mit Angst vor Hunden. Ich habe da nicht diskutiert, denn mir war es eigentlich ganz recht, im ruhigen und kühlen Treppenhaus zu warten. Jedoch sollte einfach mal gesagt werden, dass eine Allergie auf Hunde eigentlich keine Allergie auf die Haare an sich sind, sondern auf spezifische Proteine in Speichel, Urin und Hautschuppen des Tieres. Die Person mit der Allergie muss also Kontakt zu dem Hund haben — und dieses kann man mit Abstand ganz einfach verhindern. Streicheln oder Berühren sollte man Assistenzhunde im Dienst eh nicht, so dass die Gefahr, dass jemand tatsächlich auf den Hund allergisch reagiert recht gering ist. Wenn doch, dann würde derjenige auch auf meine alleinige Anwesenheit allergisch reagieren, denn ich habe jede Menge von Lunas Proteinen an mir und am Rollstuhl — genau so, wie ich nie Luna-haarfrei bin.
Personen mit Angst vor Hunden dürften so gesehen gar nicht vor die Tür gehen — denn dass es dort zu einer Begegnung mit einem Hund kommt, ist sehr wahrscheinlich. Ich muss mich auch nicht mit dem Hund direkt neben diese Person setzen, sondern kann möglichst viel Abstand halten. Zumal Assistenzhunde extra dafür ausgebildet sind, nicht zu bellen oder zu anderen Leuten hin zu gehen.
Nach tatsächlich nur 5 Minuten Wartezeit wurden wir dann auch in das Behandlungszimmer gerufen. Luna durfte sich in einer Ecke hinlegen. Der behandelnde Arzt hat einmal in das rechte, einmal in das linke Ohr geschaut, einige Fragen zur Implantation (Wo? Wann?) gestellt und dann gefragt, ob er Luna fotografieren darf. „Damit ich mal meiner Frau ein Bild von einem gut erzogenen Hund zeigen kann… wir haben nämlich ein Golden Retriever-Pudel-Mischling“.
Danach noch auf die Überweisung warten (huch, plötzlich ging doch das Warten in den Räumlichkeiten der Praxis, direkt neben dem Warteraum?) und nach insgesamt knapp 10 Minuten seit dem Hereinbitten waren wir mit der Überweisung draussen.
Knapp 2 Wochen später war dann der Termin im CIC. Mit einer Anfahrtszeit von einer Stunde und der zermürbenden Parkplatzsuche — natürlich waren die zwei Behindertenparkplätze direkt vor der Klinik belegt von Personen ohne Parkausweis — ging es dann für uns in die Klinik rein. Direkt am Eingang kam schon das (fast erwartete) „Halt, hier dürfen keine Hunde rein“. Ein Mann vom Klinikpersonal sagte dann aber direkt zur Dame hinter der Information „das ist ein Assistenzhund, die dürfen hier rein“. Die Dame hinter der Information stand kurz auf, schaute, sah die Kenndecke. In der Zwischenzeit sagte ich nur, dass ich zum CIC muss und ich auch dort bei der Anmeldung direkt die Mitnahme des Assistenzhundes angegeben habe. Diese Information war jedoch irgendwie verloren gegangen, aber letztendlich war es kein Problem. Wir bekamen den „Passierschein A38“.
Bereits bei der Patientenaufnahme, an der wir vorbei mussten, wurden wir komisch angeschaut. Egal, solche Blicke habe ich gelernt zu ignorieren. Mit dem Aufzug in die 2. Etage, über den ganzen Flur zur Anmeldung, dann runter ins Erdgeschoss zu der „Funktionalen HNO-Diagnostik“, wie die Messkabine für verschiedene Hörtests genannt wird.
Hier wurde Luna kurz unter dem Tisch geparkt, wobei sie beim Hörtest irritiert war, dass ich plötzlich geredet habe. Einmal musste ich sie zurück in den Platz bitten, ansonsten hat sie mich von unterm Tisch mehrfach irritiert angeschaut.. nach dem Motto „Mama, was willst du jetzt von mir. Ich verstehe dich nicht?!?“. Nach dem Hörtest, der bei Cochlea Implantaten immer über Lautsprecher und nicht über Kopfhörer gemacht wird, ging es wieder zurück zur 2. Etage.
Dort stand plötzlich der Chefarzt der HNO vor uns, den ich von verschiedenen Selbsthilfegruppen-Treffen kannte. Eine kurze Begrüßung und die Frage „oh, wer ist das denn? Kann ich den Hund streicheln“ führte dann dazu, dass ich Luna kurz aus dem Dienst genommen habe. Tja… wenn Chefärzte Kuschelbedarf haben … dann hilft Luna sehr gerne aus. Natürlich reichte eine kurze Kuscheleinheit nicht aus, nein, es mussten mehrere Minuten sein. Da besteht Luna auch drauf und zeigt es durch ihre Körpersprache.
Danach zur Einstellung. Insgesamt hat der Aufenthalt in der Klinik 3 Stunden gedauert. Luna war da echt Profi und hat auch diese Situation gut gemeistert. Vom Warten über Hörtest über Einstellung. Ständig neue Leute, wechselnde Örtlichkeiten und… warten.
Drei Tage später war dann der nächste Arzttermin im Kalender. Zahnarzt. Ich habe echt schreckliche Angst vor dem Zahnarzt. Daher musste Luna als „emotionaler Support“ mit, denn die merkt, wenn ich mich (innerlich) verkrampfe und signalisiert mir dieses entsprechend.
Zahnarzt — weil mir ein Inlay herausgefallen ist, nach über 10 Jahren. Da ich (O-Ton Zahnarzt) „schon eine ganze Weile nicht mehr beim Zahnarzt war“, was eine nette Umschreibung für den Zeitraum von über 10 Jahren ist, wurde einmal alles kontrolliert und auch Röntgenbilder angefertigt.
Luna durfte nicht mit den den Röntgenraum, wegen der Strahlung. Also vor dem Raum in den Platz gebracht und ihr gesagt, dass ich gleich wieder da bin. Ein wenig Sorge hatte ich schon, da die Zahnarzthelferin mehrfach in – und aus dem Raum gegangen ist. Aber Luna ist da echt Profi, die ist einfach ruhig liegen geblieben, auch als mehrere Personen nah an ihr vorbei gegangen sind. Auch eine Zahnärztin, die Angst vor Hunden hat.
Nach dem Röntgen in den Behandlungsraum. Luna in den Platz am Ende des Zahnarztstuhls gebracht. Eine Zahnarzthelferin meinte da nur, dass der Hund das ja echt super macht. Die Zahnärztin kam und untersuchte dann alle Zähne und das Zahnfleisch. Meine innere Panik wuchs, denn ich erwartete schon ein „ohjeh, hier ist Karies… hier ist was nicht ok,.. und da auch nicht“. Luna hat das gemerkt und ist in den Sitz gegangen, den Blick auf mich gerichtet. Das Signal für mich, mich zu entspannen.
Dann kam „ich habe mir die Röntgenbilder angeschaut, ihre Zähne, das Zahnfleisch… es ist alles super. Nur das eine Inlay muss ersetzt werden.“ Boah, was für eine Erleichterung! Über 10 Jahre keinen Zahnarzt gesehen und dann so ein Ergebnis! Luna hat meine Erleichterung gespürt und sich wieder hingelegt. Die Zahnärztin, die selbst Hundebesitzerin ist, hat vorsichtig nachgefragt, ob das was zu bedeuten hatte und ich hatte es ihr erklärt. Sie hörte gespannt zu und hat dabei, ohne es zu merken, einen der Handschuhe fallen gelassen. Kurzerhand habe ich Luna zu mir gerufen und ihr das Signal zum Aufheben gegeben. Erst hat sie geschnuppert, mich angeschaut — ja, der Handschuh roch nicht nach mir. Beim zweiten Signal hat sie ihn aufgehoben 🙂
Sowohl die Zahnärztin als auch die Zahnarzthelfer waren von Luna sehr angetan. Auch, dass Luna sehr ruhig geblieben ist, als mein Rollstuhl auf deren viel zu steilen Rampe gerutscht ist und dabei die Reifen gut gequietscht haben.
Was soll ich sagen? Luna ist inzwischen echt „an einiges Unheil“ gewohnt, zumindest was Ärzte, Kliniken und die Begleitung meinerseits betrifft. Sie benimmt sich echt vorbildlich und zeigt, was sie kann. Die meisten Ärzte, wie auch meine Neurologin, sind sehr aufgeschlossen und akzeptieren die Begleitung. Viele wollen sie sogar streicheln… was ich auch zulasse. Denn auch wenn es bei Ärzten und in Kliniken anders riecht als „außerhalb“, soll Luna auch dort sich willkommen fühlen. Und eine Kuschelmaus wie Luna genießt dann auch die Kuscheleinheiten in ungewöhnlichen Umgebungen.


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