Wenn Hoffnung und Optimismus auf die Realität treffen

Wenn Hoffnung und Optimismus auf die Realität treffen

Wer kennt es nicht? Man geht voller Hoffnung und guter Laune zu einem Event und stellt dann fest, dass man mal wieder einige Faktoren ausgeblendet und ignoriert hat. Kennst du nicht? Sei froh!

Doch was ist passiert?

Tja, diese Frage ist eigentlich gar nicht so einfach zu beantworten. Daher muss ich ein wenig ausholen. Am Freitag fand eine Feier der Firma statt. Wie schon die letzten 2 Jahre fand diese in einer Location statt, die zwar als barrierefrei bezeichnet wird, aber nicht wirklich barrierefrei ist. Es gibt zwar eine Toilette für Rollstuhlfahrer, aber diese war — mal wieder — mit allen möglichen Dingen vollgestellt. Hereinfahren ging zwar noch mit Rollstuhl, aber abschließen oder rangieren war nicht möglich. Dazu ist die Rollstuhl-Toilette in einem Nebengebäude, also draußen und sie war nicht beheizt.
Die Festtags-Location selbst ist über eine Rampe erreichbar. Am Ende dieser ist ein Vorhang, damit bei geöffneter Tür es nicht zu sehr zieht. An sich keine schlechte Sache, aber für Rollstuhlfahrer eine ziemliche Barriere. Denn wenn diese erst noch aufzuziehen ist, muss man also auf der Rampe erst einmal stehen bleiben. Fährt man versehentlich zu weit oder beachtet nicht genau den Vorhang, verfangen sich leicht die Räder des Rollstuhls in diesem — was mir natürlich passiert ist. Zum Glück habe ich es rechtzeitig gemerkt, so dass letztendlich nichts passiert ist.

Auch das Buffet ist immer im angrenzenden Raum, welcher nur über eine Stufe erreichbar ist. Für mich ist folglich das Buffet nicht erreichbar und ich bin darauf angewiesen, dass mir jemand hilft. Kein Problem, da der Partner oder die Partnerin immer mit eingeladen werden. So hat mein Mann an dem Abend die Aufgaben, Fotos vom Buffet zu machen, mir zu zeigen und auf meinen Wunsch hin das Essen zusammen zu stellen. Etwas aufwendig, aber gut machbar.

Nun mag man sich fragen, warum denn ausgerechnet dort dann die Firma feiern muss und ob es nicht eine passendere Location gibt. Tatsächlich ist das die einzige uns bekannte Location in Unna, die überhaupt ausreichend Platz und (zumindest auf dem Papier) eine Rollstuhl-Toilette hat.

In den letzten Jahren hat die Firma deutlich Zuwachs bekommen. Als ich 2021 angefangen habe, waren es knapp 50 Mitwirkende, während es heute über 100 sind. Natürlich konnte nicht jeder zur Feierlichkeit kommen, dennoch behaupte ich mal, dass die Location langsam zu klein wird bzw. unsere Firma zu groß dafür ist. Klar passten alle Personen in den Raum und es gab genug Sitzplätze für alle, aber für mich war kein Platz zum Rangieren vorhanden. Die normalen Tische sind zu eng aneinander gestellt, dass ich mit dem Rollstuhl nicht dazwischen passen würde, auch wenn alle Stühle frei und so weit wie möglich unter den Tisch geschoben wären.
Auch von der Höhe her passen diese Tische nicht für mich, da sie nicht unterfahrbar sind, d.h. ich sitze mit den Knien vor dem Tisch. Im Eingangsbereich gibt es jedoch mehrere höhere Tische mit Barhockern. Da ich einen Rollstuhl mit Hublift habe, kann ich mich hochfahren und ich kann somit gut an diesen Tischen sitzen. Allerdings nur vor Kopf, denn auch hier stehen die Tische so eng zusammen, dass der Rollstuhl nicht durchpasst.
Vor Kopf sitzen bedeutet aber auch, dass ich mit dem Rücken zu den Anderen sitze und somit wenn nur die Leute ansehen kann, die mit an dem Tisch sitzen. Auch sitze ich dann direkt im Eingang, so dass es dort zieht.

Zu Beginn gibt es immer ein wenig Programm. Mehrere meiner Kollegen und Kolleginnen haben etwas vorbereitet und haben extra für mich einen Platz ganz vorne reserviert. Sie haben also daran gedacht, dass ich auch hörgeschädigt bin! Eigentlich total lieb und klasse. Eigentlich, denn bei so vielen Personen in einem Raum ist der Grundgeräuschpegel so hoch, dass ich in der ersten Reihe sitzend nicht viel verstehe, wenn keine Mikrofonanlage benutzt wird. Und da es diesmal eine Art Improvisationstheater stattfand, bei denen auch Körpereinsatz gefragt war, war das gleichzeitige halten eines Mikros nicht möglich. Meine Kollegen haben sich wirklich bemüht, aber ich behaupte mal, dass ihnen gar nicht klar ist, dass ich nur wenige Worte verstehe, wenn der Abstand ca. 5 Meter zum Sprecher beträgt, dieser sich bewegt und gleichzeitig noch mehr als 50 Personen mit in dem Raum sind. Dennoch kann ich sagen: sie haben sich bemüht und es tut mir echt leid, dass ich nicht soviel mitbekommen habe.

Nach dem Programm bin ich dann zu den höheren Tischen im Eingangsbereich gegangen, da das Buffet eröffnet wurde. Da sass ich also, mein Mann zu meiner rechten Seite sitzend, und sah die Kollegen und Kolleginnen, die mit am Tisch sassen, sich unterhalten und lachen. Verstanden habe ich wenn nur wenige Wortfetzen, wenn überhaupt. Der eine oder andere kam zwar mal an den Tisch und wechselte das eine oder andere Wort mit mir — diese Situationen habe ich echt genossen. Aber den Großteil des Abends sass ich vollkommen isoliert und alleine in einer Menge von Menschen. Ich sah sie lachen, reden.. und fühlte mich einfach nur einsam.

Die Hoffnung, mehr Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen zu bekommen, mein Optimismus, dass es bestimmt alles gut klappen wird, traf auf die Realität: keine Möglichkeit zu einem Kollegen oder einer Kollegin zu gehen und mich mit dieser Person zu unterhalten, weil alles zu eng war. Keine Möglichkeit mich an den Gesprächen am Tisch zu beteiligen, weil ich nichts verstanden habe. Soziale Isolation in einer Gruppe von vielen Menschen. Und eines kann ich sagen: es tut so unendlich weh. Es ist so frustrierend, sich nicht integrieren zu können, egal, wie sehr man sich bemüht.

Kann ich erwarten, dass bei solchen Feiern sich jemand „um mich kümmert“ und für mich da ist? Nein, sowas kann ich nicht erwarten. Aber dennoch hatte ich gehofft, dass sich alles irgendwie ergibt, dass die ganze Feier einfach für mich schön wird. Stattdessen hab ich die Garderobe angeschaut und innerlich ist irgendetwas zerbrochen. Am Schlimmsten ist es, dass ich es eigentlich hätte besser wissen müssen. Ich kannte die Location, ich wusste, dass unsere Firma inzwischen mehr als 100 Mitarbeitende hat. Seit mehr als 10 Jahren fahre ich E-Rollstuhl und seit mehr als 20 Jahren trage ich Cochlea Implantate. Und dennoch denke ich, dass ich auf solche Feiern gehen sollte und ich davon etwas habe; denke, dass wir im Jahr 2026 in einer inklusiven Gesellschaft leben — um festzustellen, dass dem nicht so ist. Und um dann doch am nächsten Tag aufzustehen und zur Geburtstagsfeier der Schwiegermutter zu fahren, wo es dann genau so weitergeht: irgendwo am Ende eines Tisches zu sitzen, da nur dieser Platz für mich mit Rollstuhl erreichbar ist, die Gespräche am Tisch wegen der Distanz und den Hintergrundgeräuschen nicht folgen zu können und auch in der Familie das Gefühl zu haben, isoliert und alleine in einer Menschengruppe zu sein.

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